„Seit eben bin ich Weltmeister…“

Lesevergnügen aus der Kindheit: Für Kinder und ihre Eltern

„Ich trat immer schneller in die Pedale meines orangenen Bonanzarads. Der falsche Fuchsschwanz am Hochlenker zappelte. Mein Schleichweg verengte sich in wenigen Metern. Die ersten Grundstücke der Siedlung schossen am Ende des Gebüsches schon an mir vorbei. Zwischen den Maschendrahtzäunen links und rechts ein guter Meter Platz. Die Brennesel waren zu dieser Jahreszeit schon hoch gewachsen und ich trug eine kurze glänzende Fußballhose.

Ich sah nach unten. Meine Knie hämmerten nun wie die Kolben meiner Dampfmaschine, wenn ich statt einem zwei Spiritusstückchen in die Öffnung unter dem Kessel schob. Das sei unglaublich gefährlich und es sei streng verboten mehr als ein Stück zum Heizen einzulegen. So die Beschwörung meines Vater und meiner Mutter im Kerzenschein des Weihnachtsbaumes, noch bevor ich den Karton unter dem Papier mit goldenen Sternen zu fassen bekam und mit einem Ruck aufriss.

Die Kette unter mir zitterte als sie über das Zahnrad flog. Jetzt ries ich wie dutzende Male zuvor die Beine nach oben und warf sie auf die vordere Stange des Rads. Die Hände am Hochlenker fibrierten. Brennesseln schlugen gegen Speichen und Rahmen. Es roch nach verbrannten Gartenabfällen und Sommer. Ein lauer Fahrtwind fegte mir durch mein schulterlanges Haar. Vom Zirkuszelt am Ende der Siedlung trug der Wind einige Klänge der Manegenmusik zu mir. Ich genoss meine Fahrt durch den Hohlweg heimischer Kleinbürgerlichkeit.

Konzentriert bereitete ich mich auf die Einfahrt in den Feldweg vor. Das Kleppern meines Rades versetzte die Hühner schon lange bevor ich um die Ecke schoss in ein panisches Durcheinander, der Hahn stelzte mit gestelltem Kamm. Durch die Blätter der Obstbäume funkelte die Sonne wie Blitzlichtgewitter von einer Tribüne. In den letzten zwei 90-Grad Kurven auf dem Feldweg vor unserer Hofeinfahrt war ich Sportreporter und Niki Lauda in einer Person. Ich kommentierte laut wie ich in der letzten Kurve Emerson Fittipaldi in seinem McLaren-Ford in der Innenkurve angriff.

Die Hühner gaggerten den Jubel, der Hahn sprang vor Begeisterung auf. Beim gewagten Überholmanöver kam ich kurz auf das Bankett der Rennstrecke und einige Brennessel erwischten mich am rechten Bein. Egal, ich hatte das Rennen gewonnen und lehnte mein Rad mit dem Hochlenker an die Hauswand im Hof. Auf dem Weg zur Haustüre gab ich einige Autogramme und bemühte mich um ein erstes Interview mit mir. Den rechten Unterschenkel rötete ein Ausschlag und es begann zu jucken. Ich unterdrückte die Tränen und schritt die Stufen hinauf zur Siegerehrung. Von Weitem gaggerte es noch immer und der Hahn grähte aus Mitten der tobenden Menge. Es war eine kleine Welt und ich seit eben ein Weltmeister.“

Beitragsfoto: Emerson Fittipaldi auf McLaren M 23 1974, Great Britain, Autor: © Gerald Swan, CC BY.SA 3.0

PS: Ein herzliches DANKE an Jürgen Weber, für diese wundervolle Geschichte aus seiner Kindheit!